Thomas Roscher, Zeestow
Bürgerinitiative GegenWind
Mehrere Windkraftanlagen sollen in der Gemeinde Brieselang entstehen
Solange es einen selbst nicht betrifft und die Windkraftanlagen (WKA) irgendwo anders stehen, kümmert man sich entweder nicht um die Windindustrie oder man hält sie für eine gute Sache, weil sie angeblich der Umwelt dient. Wie ich lernen musste ist beides falsch. In Deutschland stehen derzeit rund 14.000 WKA; Umweltminister Trittin will diese Zahl verdreifachen. Statistisch haben wir dann – bei einer Gesamtgröße Deutschlands von 357 tkm² alle drei Kilometer eine WKA. Stadtbewohner werden keine WKA sehen; auf dem Land entkommt man den Rotorblättern jedoch nicht mehr. Und dienen WKA nun wirklich der Umwelt, dem Immissionsschutz ? Unabhängige Experten stellen das Gegenteil fest: Gewaltige Mengen an Stahl für Türme und Fundamente, Plastik für Rotorblätter sowie Beton für Fundamente verbrauchen mehr Primärenergie zu ihrer Herstellung als die WKA im Laufe ihrer Lebensdauer überhaupt produzieren. Die circa 1.000 km neuer Stromleitungen, um die verstreuten WKA an das Stromnetz anzuschließen, werden regelmäßig noch nicht einmal eingerechnet.
Verheerender ist jedoch die Erfahrungsbilanz: Die WKA liefern durchschnittlich nur an 77 Tagen im Jahr Strom. In der übrigen Zeit ist entweder zu wenig oder zuviel Wind, so daß die Anlagen keinen Strom liefern. Zudem sind die Stromlieferungen der WKA nie konstant und somit nicht zuverlässig berechenbar. Die Verbrauchsseite ist gleichfalls nicht exakt vorhersehbar, so daß für die Versorgungssicherheit im Stromnetz hinter jeder WKA ein konventionelles "Schattenkraftwerk" mitlaufen muss. Dieses stößt dabei selbstverständlich weiterhin CO² aus. Leider sogar mehr als notwendig, weil - ähnlich wie bei einem Auto im Stadtverkehr - die konventionellen Kraftwerke hoch und runter gefahren werden müssen, um sich den Schwankungen im Netz schnellstmöglich anzupassen. Dadurch steigt der CO²-Ausstoss dieser Kraftwerke und ihr Wirkungsgrad sinkt.
Wie sieht es mit unserer direkten Umwelt aus?
Auf der sog. Nauener Platte (zwischen Brieselang, Wustermark und Nauen) befinden sich neben 11 Hochspannungstrassen bereits 56 WKA. Neben diversen Einzelanträgen sind auf dem Gebiet der Gemeinde Brieselang weitere "Windparks" geplant; hier konkret 21 WKA (= 3 x 7 WKA) sowie 14 auf dem Gemeindegebiet von Wustermark. Die neu hinzukommenden 35 Anlagen sind natürlich "moderner". Im Klartext heißt das, diese Anlagen sind um rund ein Drittel größer als die Bestehenden: nämlich 150 m! Dies übertrifft sogar den westberliner Funkturm (138 m). Mit den dann vorhandenen 96 WKA ist noch nicht Schluß, selbstverständlich können noch weitere Anlagen beantragt und genehmigt werden. Diese können auch noch größer werden: der Stand der Technik liegt derzeit bei 180 m, Tendenz steigend.
Welche Wirkungen haben diese landschaftsdominierenden Anlagen auf Mensch und Natur?
Neben der ästhetischen Zerstörung des Landschaftscharakters und damit des allgemeinen Erholungswertes, sind handfeste Beeinträchtigungen des menschlichen Wohlbefindens bis hin zur Gesundheitsgefährdung bekannt: Beschallung, sowohl im hörbaren Bereich als auch im unhörbaren Frequenzbereich (Infraschall), welche als permanentes Beben wahrgenommen werden; Schattenwurf, die Reichweite umfasst laut einer Studie des Staatlichen Umweltamtes Schleswig das 10fache der Anlagenhöhe; Lichtreflexionen ("Disco-Effekt") durch sich spiegelnde Sonnenstrahlen bei Tageslicht und des Nachts durch die Blinklichter; Eiswurf, bei entsprechender Witterung kann es in einem Umkreis von bis zu 400 m zu Eisgeschossen kommen; als fatalste Auswirkungen werden von den Betroffenen jedoch die als "Bewegungspsychosen" beschriebenen Phänomene empfunden: Innerhalb eines bestimmten Abstandes dominieren WKA das menschliche Blickfeld, der Mensch kann dem Anblick nicht ausweichen. In Kombination mit den Bewegungen der Rotorblätter haben die Betroffenen ständig das Gefühl von Unruhe bis hin zum fortwährenden "Erschrecken". Da es sich hierbei um ein angeborenes Reflexverhalten handelt, lässt es sich auch nicht "intellektuell überwinden". Aufgrund der Permanenz und Unausweichlichkeit sind gesundheitsschädliche Stresserscheinungen die Folge. Dieses Phänomen ist noch unmittelbarer in der Tierwelt festzustellen: Vögel und Säugetiere flüchten aus dem Wirkungskreis und bleiben dauerhaft fern.
Wie kann so etwas mit uns geschehen?
Die klammheimliche Umwandlung von Natur- und Kulturlandschaft in eine Industrielandschaft erfolgt sowohl legal als auch illegal - aber immer stillschweigend. Ausgehend von einem noch nicht verabschiedeten Regionalplan, Teilplan Wind, für die Nauener Platte sowie dem vom Umweltminister Trittin erlassenen "Privileg für Windkraftanlagen" lassen sich Windindustrieanlagen erzwingen. Oder zumindest wird dies als Schutzbehauptung von Planern und Entscheidern angeführt. Um Gefügigkeit bei den Betroffenen herzustellen, wird eine Unvermeidlichkeit behauptet, die überhaupt nicht existiert. In unserer Nachbargemeinde Wustermark machen Bürgermeister und Ortsteilbeiräte gegen die wachsende Störung ihrer Bewohner durch akustische und optische Einwirkungen rotierender WKA mobil. Nicht nur der Verlust an Lebensqualität ist der Antrieb für das Engagement in Wustermark. Handfester Wertverlust der Grundstücke von 30% bei weiter entfernten Grundstücken bis hin zur Unverkäuflichkeit von benachbarten Grundstücken ist sicher. Dies hat Folgen: die Beleihungsgrenze für Finanzierungen sinkt, eine Neubewertung durch die Banken ist wahrscheinlich, gemeindliche Siedlungsprojekte werden nicht realisiert, verstärkte Fortzüge und ausbleibender Zuzug. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Niemand hat Lust, als Restposten in einem monströsen (Wind-) Industriegebiet zu leben. Diese Negativentwicklung wird auch die Gemeinde Brieselang berühren.
Um diesen Schaden abzuwenden, hat sich eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern auch in Zeestow und Bredow zusammengefunden. Im Gegensatz zu Wustermark lässt die Unterstützung aus Brieselang leider noch auf sich warten. Hieran wird sich jedoch messen lassen, ob die vor der Gemeindegebietsreform gern beschworene Solidarität mit Zeestow und Bredow gelebt wird oder ein bloßes Lippenbekenntnis war.
Thomas Roscher, Zeestow